Private Banking Schweiz: «Dutzende Privatbanken stehen vor dem Aus»

Unsere Redaktion befragte Daniel Senn und Dr. Christian Hintermann zur aktuellen Privatbanken-Studie «Performance der Schweizer Privatbanken 2012». Die KPMG-Studie basiert auf einer Auswertung der Jahresberichte von rund 100 Schweizer Privatbanken (ohne die beiden Grossbanken und die zwölf Privatbankiers), die in erster Linie im Private Banking tätig sind.

Im Interview: Daniel Senn ist Leiter Financial Services und Mitglied der Geschäftsleitung von KPMG Schweiz. Dr. Christian Hintermann ist Partner von KPMG Schweiz und Studienleiter.

Die Schweizer Privatbanken verzeichnen seit 2006 einen stetigen Rückgang der Eigenkapitalrendite von 13.6 Prozent im Jahr 2006 auf 3.8 Prozent im Jahr 2011. Welches sind die Hauptursachen für diesen Niedergang?

Daniel Senn und Christian Hintermann: Die Hauptursachen für den Rückgang der Eigenkapitalrenditen sind der zunehmende internationale Druck auf den Finanzplatz Schweiz und das Bankkundengeheimnis, die weiterhin starke Zurückhaltung der Kunden im Anlagebereich sowie die grosse Anzahl neuer Regulierungsvorschriften.

Neben der Tatsache, dass die Kunden viel mehr Cash halten, an dem die Bank nichts verdienen, kaufen die Kunden auch viel weniger komplexe Produkte, die für die Banken sehr hohe Margen bringen. Aufgrund der geringen Renditen und des zum Teil verlorenen Vertrauens sind die Kunden auch viel preissensitiver geworden bezüglich der von den Banken verrechneten Preise.

Während der internationale Druck und die Zurückhaltung der Kunden zu sinkenden Erträgen führten, wirkten sich vor allem die neuen Regulierungen im Bereich des grenzüberschreitenden Vermögensverwaltungsgeschäfts kostensteigernd aus. Zusätzlich führt der starke Schweizer Franken dazu, dass die primär in Fremdwährungen erwirtschafteten Erträge sinken, während die primär in Schweizer Franken resultierende Kostenbasis stabil bleibt.

In Ihrer Einleitung zur Studie zitieren Sie das Bonmot von Warren Buffett «You never know who is swimming naked until the tide is going out». Welche Schweizer Privatbanken sehen sich infolge der derzeitigen Private-Banking-Ebbe «entblösst»?

Mit Problemen sind insbesondere Banken konfrontiert, welche über kein Alleinstellungsmerkmal verfügen und sich in der Vergangenheit zu stark auf den Standortvorteil Schweiz verlassen haben. Dazu gehören auch Banken, die in der Vergangenheit einen relativ grossen Anteil an Vermögen aus westeuropäischen Ländern hatten, und infolge des zunehmenden internationalen Drucks auf das Bankkundengeheimnis Kundengelderabflüsse und einen zunehmenden Margendruck verzeichneten. Diese Banken haben es oftmals nicht geschafft, ihre Kostenstrukturen an die tiefere Ertragsbasis anzupassen. Insbesondere die Personalkosten waren in den letzten Jahren erstaunlich stabil.

Insgesamt toleriert das «neue» Marktumfeld weniger Fehler und verlangt eine grössere Kostendisziplin. Auch in Zukunft wird es erfolgreiche Schweizer Privatbanken geben, jedoch wird das Geschäftsmodell kein Selbstläufer mehr sein.

Unter den Privatbanken gibt es markante Unterschiede bezüglich der Eigenkapitalrendite, die Spannbreite reicht von -63.5 Prozent bis zu 26.7 Prozent. Was machen erfolgreiche Privatbanken besser als die «Underperformer»?

Die neuen Regulierungen haben zu höheren Rechts- und Compliance-Kosten im Geschäft mit grenzüberschreitenden Vermögen geführt. Infolgedessen ist die kritische Grösse an verwalteten Vermögen gestiegen, welche eine Bank haben muss, um profitabel in einem Markt zu operieren. Die Liste der erfolgreichen Banken lässt vermuten, dass sich erfolgreiche Banken auf ein paar wenige Zielmärkte oder Nischen fokussieren, was sich kostensenkend und positiv hinsichtlich der Kundenbindung auswirkt.

Interessanterweise zeigen rentable Banken keine signifikant höheren Nettoertrags- und Kommissionsmargen als unrentable Banken. Dies impliziert, dass letztere vor allem an einer überhöhten Kostenstruktur und einer schwachen Ertragsbasis bezüglich der verwalteten Vermögen leiden. Eine Analyse der erfolgreichen Banken zeigt jedoch, dass beispielsweise hohe Personalkosten nicht per se schlecht sind. Banken mit tiefer Eigenkapitalrentabilität sollten deshalb die Kosten zusammen mit der strategischen Ausrichtung sowie der eigenen Produktivität anschauen.

Insgesamt besteht eine positive Korrelation zwischen der Performance und der Grösse der Banken, das heisst der verwalteten Vermögen. So weisen kleine Banken im Vergleich zu grossen Banken tiefere Eigenkapitalrenditen auf (2.3% im Vergleich zu 5.3% bei grossen Banken) und haben höhere Kosten-Ertrags-Verhältnisse (82.8% im Vergleich zu 76.9% bei grossen Banken). Selbst im heutigen Marktumfeld gibt es jedoch kleine Banken, die erfolgreich sind und sowohl 2007 als auch 2011 zu der Gruppe der «Performer» gehörten. Grösse stellt daher einen Einflussfaktor, jedoch keine Determinante dar.

Inwiefern unterscheiden sich die drei Schweizer Privatbankenplätze Zürich, Genf und Lugano bezüglich ihrer Performance?

Insgesamt entwickelten sich die drei Privatbankenplätze ähnlich, jedoch bestehen nach wie vor akzentuierte Unterschiede.

Der Bankenplatz Lugano ist im Vergleich zu den anderen Bankenplätzen stark fragmentiert, was sich in einem tiefen durchschnittlichen Bestand an verwalteten Vermögen und einer relativ tiefen Produktivität äussert. Die in Lugano ansässigen Banken weisen jedoch auch den höchsten Anteil an diskretionären Vermögensverwaltungsmandaten und die höchsten Kommissionsmargen aus. Aufgrund des 2009 durch Italien initiierten Scudo Fiscale verzeichneten die in Lugano ansässigen Privatbanken in den letzten Jahren starke Vermögens- und Ertragsrückgänge auf, die  nur teilweise gestoppt werden konnten. Infolgedessen wiesen die Banken in Lugano im Jahr 2011 die tiefste Eigenkapitalrentabilität auf.

Die in Genf ansässigen Privatbanken verzeichneten 2011 die höchsten Kosten-Ertrags-Verhältnisse. Dies hängt unter anderem mit den relativ hohen Personalkosten zusammen, die seit Ausbruch der Finanzkrise praktisch unverändert blieben und per 2011 wesentlich höher lagen als in Lugano. Im Vergleich zu den in Zürich und Lugano ansässigen Banken weisen die Privatbanken in Genf zudem konsistent höhere Handelsmargen auf. Der höchste Anteil an Doppelzählungen bestätigt die Vermutung, dass die Genfer Banken insgesamt den höchsten Anteil an eigenen Produkten aufweisen.

Die in Zürich ansässigen Privatbanken wiesen in der Vergangenheit konstant die höchste Produktivität pro Mitarbeiter auf, jedoch sank diese in den letzten Jahren und näherte sich derjenigen der anderen Bankenplätze an. Die Eigenkapitalrentabilität der Banken in Zürich ist vergleichbar mit derjenigen in Genf.

Ohne ausserordentliche Erträge verzeichneten seit 2008 jedes Jahr rund 25 Prozent der untersuchten Privatbanken Verluste. Wie viele Banken stehen Ihrer Meinung nach vor der Schliessung?

Ein grosser Teil der Privatbanken erzielt Eigenkapitalrenditen, welche die Eigenkapitalkosten nicht decken können. Die Branche ist in einem Umbruch, wie dies bei zahlreichen anderen Branchen schon geschehen ist. Diesen Umbruch werden diejenigen Banken erfolgreich überstehen, die ihr Geschäftsmodell rasch und nachhaltig anpassen und über eine fokussierte Strategie verfügen. Die übrigen Banken werden mittelfristig nicht überleben können.

Zwar haben viele Privatbanken aufgrund der hohen Eigenmittel Reserven, die ihnen erlauben, noch ein paar Jahre auch mit Verlusten zu überstehen – dies dürfte aus Sicht der Aktionäre aber kaum attraktiv sein. Gewisse dieser Banken werden verkauft, andere liquidiert werden. Über die nächsten drei Jahre sprechen wir hier sicher von einigen Dutzend Banken, die so verschwinden werden.

Wie schnell dieser Prozess erfolgen wird, hängt unter anderem auch damit zusammen, wie sich die Rahmenbedingungen für die Privatbanken verändern werden, insbesondere in Bezug auf die Steuerabkommen mit anderen Ländern, die Entwicklungen an den Finanzmärkten sowie die Zunahme des regulatorischen Drucks.

Wenn Sie eine Prognose wagen würden: Wie sehen Sie den Zustand der Schweizer Privatbanken-Branche in fünf Jahren?

Die Schweizer Privatbanken-Branche steht in den nächsten fünf Jahren vor grossen Veränderungen. Nebst einer weiteren fortschreitenden Konsolidierung – vorwiegend zu Lasten der kleineren Institute – wird sich die Anzahl der ausländischen Banken weiter substanziell verringern. Insgesamt rechnen wir damit, dass in fünf Jahren rund 20 bis 25% der Bankinstitute keine Privatbanking-Dienstleistungen mehr anbieten werden.

Die Segmentierung des Dienstleistungsangebots wird fortgeführt, wobei vor allem die persönliche Beratung professioneller wird. Einerseits rechnen wir mit einem weiteren Ausbau des Online-Angebots für Beratungs- und Anlagedienstleistungen. Andererseits sehen wir eine Transformation der Branche in Richtung Transparenz. Themen wie Steuerehrlichkeit und Suitability werden in der Branche zum Standard.

Nach einer Phase des Rückgangs der verwalteten Vermögen rechnen wir mittelfristig wieder mit einem Wachstum der Schweizer Privatbanken-Branche. Analog zu anderen Industrien werden jedoch vor allem mittlere und grössere Banken die Früchte der Restrukturierungsphase der Branche ernten.

10. Januar 2013

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