Bill Harris: «Internet revolutioniert Finanzindustrie»

Bill Harris ist Gründer und CEO von Personal Capital. Zuvor war er unter anderem CEO von PayPal und Intuit. Bill Harris gründete eine Reihe von Finanztechnologie-Unternehmungen und ist ein weltweit führender Internet-Finanz-Experte und -Unternehmer.

Personal Capital startete im September 2011 nach zweijähriger Entwicklung und 27 Millionen Dollar Startkapital. Das Startup ermöglicht die Verwaltung aller persönlichen Finanzdaten an einem Ort und offeriert Entscheidungstools sowie persönliche Beratung. Die Kerndienstleistungen sind kostenlos – für die aktive Vermögensverwaltung wird eine Gebühr von 0.75 bis 0.95 Prozent erhoben.

Bill Harris, welches waren in Ihren Augen die wichtigsten bisherigen Innovationen in der Vermögensverwaltung?

Bill Harris: Zu den bis anhin wichtigsten Innovationen im Anlagegeschäft und der Vermögensverwaltung gehören das individuelle Brokerkonto und der Anlagefonds. In den frühen Zeiten des Aktienmarktes war es schwierig, als einzelner Anleger Aktien von öffentlichen Unternehmungen zu kaufen. Die Etablierung des Brokerkontos ermöglichte es, dass auch private Anleger Aktien erwerben konnten – der ganze Aktienmarkt wurde so effizienter und zugänglicher.

Die nächste grosse Innovation war meiner Meinung nach die Lancierung der Anlagefonds. Anlagefonds ermöglichten für den durchschnittlichen Anleger eine Anlagediversifikation zu massiv tieferen Kosten. Allerdings gehören Anlagefonds mittlerweile nicht mehr zu den effizientesten Anlageformen aufgrund ihrer Steuerverpflichtungen und ihrer vereinheitlichten Anlagestrategie, die keinen Raum für individuelle Lösungen bietet.

Welches werden die nächsten wichtigen Innovationen sein?

Die nächste wichtigste Innovation wird die individualisierte Massenfertigung sein. Dank der vorhandenen Technologie wird jeder einzelne Anleger personalisierte Lösungen für seine finanziellen Bedürfnisse erhalten – einen massgeschneiderten Finanzplan, der auf das individuelle Alter, Risikoprofil und so weiter abgestimmt ist. Wir sind überzeugt, dass die Finanzen jeder Person eine durch und durch persönliche Angelegenheit sind. Finanzfirmen, die kundenspezifische Anforderungen in einem hohen Mass befriedigen können, werden in Zukunft am erfolgreichsten sein.

Die Digitalisierung ist daran, diverse Branchen nachhaltig zu verändern. Die Medienindustrie ist bereits von der digitalen Welle erfasst worden – wie steht es mit der Finanzindustrie?

Meiner Meinung gehören sowohl die Medien- als auch die Finanzindustrie zu den Branchen, die am fundamentalsten von der Digitalisierung erfasst und verändert werden. Das Internet ermöglicht es, dass alle Interaktionen rein virtuell realisiert werden. Wie Sie richtig beobachtet haben, hat die digitale Revolution bereits die Medienwelt erfasst. Die neuen Medien setzen sich rasant durch, während die traditionellen Medien am Straucheln sind. In der Finanzwelt wird eine entsprechende Entwicklung ebenfalls zu beobachten sein, auch wenn sie bis jetzt noch nicht sichtbar ist.

«In Zukunft wird es absurd erscheinen, eine Bankfiliale aufzusuchen»

Erstaunlicherweise hat sich die Zahl der physischen Bankfilialen während der letzten 40 Jahre vervierfacht – und das in den Zeiten von Bankomat, Telefon-, Online- und  Mobile-Banking. Mit der kommenden Transformation des physischen Vertriebs hin zum virtuellen Vertrieb von Finanzdienstleistungen wird das nächste Jahrzehnt ein Zeitalter der Dekonstruktion werden. Offline-Filialen werden reihenweise geschlossen und das Bankenpersonal wird näher beim Kunden arbeiten. Das traditionelle Verständnis von einer Bank wird nachhaltig verändert werden.

In zehn Jahren wird es absurd erscheinen, den Finanzberater in einer Bankfiliale (oder im Golfclub) aufzusuchen. Alles, was mit Ihren Finanzen zu tun hat, sollte stets und sofort in Ihrer Handfläche zur Verfügung stehen. Personal Capital ermöglicht diese Entwicklung, wobei der einzelne Kunde im Zentrum aller Interaktionen steht, und nicht mehr der Anlagefonds, das Bankkonto oder das Finanzinstitut.

Welches war die Hauptidee bei der Gründung von Personal Capital?

Wir gründeten Personal Capital, um diejenigen Finanzdienstleistungen, die ursprünglich nur den ganz reichen Kunden (UHNWI) vorbehalten waren, zu erschwinglichen Kosten anbieten zu können. Dies ist möglich durch die effiziente Nutzung von Technologie in Kombination mit menschlicher Expertise und Beratung. Wir sind nicht der Meinung, dass Technologie den Menschen ganz ersetzen kann. Allerdings eröffnet die Technologie in der Finanzberatung und Vermögensverwaltung enorme Möglichkeiten, etwa im Hinblick auf das Sammeln und Analysieren von Daten, was für den einzelnen Anleger ohne Hilfe äusserst zeitintensiv und ermüdend wäre. Mit unserem Dashboard und unserem Entscheidungstools hat der Anleger die Möglichkeit, bessere und effizientere Finanzentscheide zu fällen.

Heutige Finanzinstitute sind häufig eher produkt- als kundenorientiert. Wie planen Sie, diese Produktorientierung zu durchbrechen?

Die meisten Finanzinstitute sind mehr produkt- als kundenorientiert, da haben Sie vollkommen recht. Bei grossen Finanzinstituten kümmern sich unterschiedliche Abteilungen um Kreditkarten, Hypotheken, Konten und so weiter. Dabei sind die Abteilungen dafür da, möglichst viele der eigenen Produkte zu verkaufen. Allerdings sind die Kunden dieser Produktsegmentierung mittlerweile überdrüssig. Personal Capital kehrt das Geschäft auf den Kopf und stellt die Kunden ins Zentrum, indem wir eine ganzheitliche Sicht ihrer Finanzen liefern, die alle Konten, Produkte und Institute umfasst.

Personal Capital sammelt alle persönlichen Finanzdaten eines Kunden und hat damit mehr Daten als die einzelnen Finanzinstitute. Ist diese Datenmacht kein Thema bei kooperierenden Finanzinstituten und Kunden?

Wir nehmen den Datenschutz unserer Kunden sehr ernst. Unser Team hat eine langjährige Erfahrung im Bereich der Finanzsicherheit. Viele von uns haben geholfen, die Authentifizierungssysteme aufzubauen, die viele grössere Banken für ihre Online-Dienstleistungen benutzen. Die Kunden von Personal Capital können sich sicher sein, dass ihre persönlichen Daten in sicheren Händen sind und nie vermietet oder verkauft werden.

Vermögensberatung ist Vertrauenssache. Laut Mike Alfred, CEO von BrightScope, wachsen unabhängige Finanzberater zu einer der wichtigsten Kräfte in der Finanzindustrie heran – die Online-Vermögensberater werden diesen Trend nicht umkehren können. Haben Sie eine Strategie, wie Sie Vertrauen gewinnen und diesen Trend doch noch umkehren können?

Vertrauen gewinnt man durch angenehme Erfahrungen mit einer Dienstleistung während eines bestimmten Zeitraums. Als Online-Dienstleister hängt der Erfolg unseres Geschäfts vom Vertrauen unserer Nutzer ab. Wir sind zuversichtlich, dass wir dieses Vertrauen gewinnen können, indem alle Erfahrungen mit unserer Dienstleistung positiver Natur sind.

Entscheidend ist auch, dass sich das Konsumentenverhalten während der letzten Jahre signifikant verändert hat und die Leute bereits einen Grossteil ihrer Zeit online verbringen. Anstatt beim Einzelhändler Sears kaufen die Leute nun bei Amazon ein. Anstatt die Reise bei einer Reiseagentur zu buchen, nutzt man Expedia. Die Leute fühlen sich immer wohler dabei, ihren Alltag online zu verbringen – das wird in einem natürlichen nächsten Schritt auch bald für die Online-Vermögensberatung zutreffen.

Wie lange wird denn die Vermögensverwaltung noch ein «People Business» bleiben?

Die Vermögensverwaltung wird immer ein People Business bleiben. Aber mit dem technologischen Fortschritt wird die Vermögensverwaltung in der Praxis sowohl für Kunden als auch für die Anbieter immer effizienter werden. Während die Zahl der physischen Bankfilialen sinken wird, werden die Kunden weiterhin Wert auf eine zwischenmenschliche Beziehung mit ihrem Finanzberater oder Vermögensverwalter legen. Wenn diese Beziehung nun durch Technologien wie Video-Chat und fortgeschrittene Online-Tools verbessert werden kann, wird das Kundenerlebnis dadurch zusätzlich optimiert.

Ist eine internationale Expansion von Personal Capital ein Thema?

Momentan sind wir zu 100 Prozent auf den US-amerikanischen Markt fokussiert. Wir haben zurzeit keine internationalen Expansionsabsichten.

Wo steht Personal Capital in fünf Jahren?

Personal Capital wurde offiziell im September 2011 lanciert, wobei wir bereits im Juli 2009 mit dem Unternehmensaufbau begonnen hatten. Bereits nutzen Zehntausende von Nutzern mit einem Anlagevermögen von insgesamt über 4 Milliarden US-Dollar unsere kostenlosen Dienstleistungen. In den letzten 8 Monaten sind wir bereits enorm gewachsen und haben neben dem Go-Live iPhone- und iPad-Apps sowie diverse Bankprodukte lanciert. Mit diesem zügigen Innovationswachstum werden wir fortfahren und unsere Angebotspalette stets erweitern.

4. Juni 2012

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