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Hermann Stern: «Do-It-Yourself-Indexing»

Die Moneyland-Redaktion befragte Hermann Stern, CEO der Research-Firma Obermatt, zum Thema Do-It-Yourself-Indexing.

Hermann J. Stern ist Gründer und CEO von Obermatt, einer internationalen Research-Firma mit Spezialgebiet Aktienbewertung und Index-Investments. Auf obermatt.com lassen sich Aktien-Bewertungen finden und nach verschiedenen Kriterien filtern. Damit lässt sich ein so genanntes «Do-It-Yourself-Indexing» realisieren: eine passive Anlage-Strategie auf der Grundlage von selbst ausgewählten Aktientiteln.

Moneyland-Redaktion: Herr Stern, wie sind Sie auf die Idee von obermatt.com gekommen?

Ich war unglücklich mit den Informationen, die ich auf dem Internet zu Aktien erhalten konnte. Entweder handelt es sich um Finanzkauderwelsch, das niemand versteht, oder einfach nur um «Hype». Ich wollte Aktienanalysen, die rein auf Fakten basieren und nicht auf subjektiven Meinungen. Und zwar in einer Form, die sich in wenigen Minuten verdauen lässt. Ich will nicht viel Zeit mit Aktienanalysen verbringen.

Was sind die Vorteile für Nutzer?

Nutzer können sofort die wesentlichen Finanzfakten einsehen. Mit einem Blick kann man das Thema Finanzanalyse abhaken und sich das Unternehmen selbst anschauen: Was macht das Unternehmen? In welchen Märkten ist es tätig? Wie ist das Management aufgestellt? Was ist in den letzten Jahren passiert? So findet man schneller die richtigen Aktien und weiss, dass man hat es gründlich gemacht hat.

Welche Methoden der Aktienbewertung wenden Sie an?

Am wichtigsten für die Aktienbewertung ist der Value, also das Verhältnis zwischen Aktienpreis und Finanzgrössen wie Gewinn, Umsatz und Kapital. Auch wichtig ist die Sicherheit, also die Verschuldung des Unternehmens im Vergleich zu dessen Finanzkraft. Das messen wir ganz traditionell mit bekannten Value- und Safety-Kennzahlen.

Sie verwenden für die Aktienbewertung drei Wachstums- und drei Value-Kennzahlen. Sind diese hinreichend? Allein in der Fundamentalanalyse gibt es eine Vielzahl von weiteren Kennzahlen und Indikatoren.

Diese Kennzahlen messen aber oft das Gleiche mit anderen Worten. Eigentlich genügt eine Kennzahl für die Beurteilung des Values: das Verhältnis zwischen Aktienpreis und Gewinn. Man kauft eine Aktie ja nur wegen dem Gewinn, den sie erwirtschaftet. Wir verwenden noch weitere Value-Kennzahlen, weil die Gewinngrösse kurzfristig stark schwankt. Bei den Wachstumskennzahlen ist es dasselbe. Mehr Kennzahlen sind nicht besser.

Sie legen auch Wert auf soziale, ökologische und Corporate-Governance-Kriterien. Wie messen Sie diese?

Wir überlassen das Organisationen, die darauf spezialisiert sind. Zum Beispiel dem Schweizer Governance-Rating Spezialist zRating oder der Non-Profit-Organisation Women’s Empowerments Principles. Diese Organisationen entscheiden, welche Aktien die Kriterien erfüllen und welche nicht.

Welche Vorteile Ihrer Methode sehen Sie gegenüber aktiv gemanagten Anlagefonds?

Ich glaube nicht, dass ich aktive Fonds auswählen kann, die mit Sicherheit langfristig ihr Geld wert sind. Ich glaube nicht an die Aussagekraft historischer Renditen. Deshalb lege ich passiv an.

Welche Vorteile hat Ihr «Do-It-yourself-Indexing» gegenüber passiven Indexfonds (ETF)?

ETF werden primär von Grossanlegern gekauft und verkauft, um spezielle Renditen zu generieren. Das gibt mir ein ungutes Gefühl. Deshalb schichte ich heute meine ETF in einzelne Aktien um. Risikomässig ist es dasselbe, sofern das eigene Portfolio mindestens 20 bis 30 Titel enthält.

Zudem: Index-ETF halten Krethi und Plethi und übergewichten teure Aktien per Definition. Mit dem eigenen Index kann man selbst auswählen. Es ist wie bei den Luxemburgerli. Manche kaufen die vorverpackte Schachtel und andere wählen selbst aus. Ich wähle gerne selbst aus.

Nach der Wahl und dem Kauf eines ETF hat der Anleger praktisch keinen Aufwand mehr. Die Bewertung einzelner Aktien anhand von Kennzahlen kann sich hingegen laufend ändern. Der Anleger müsste also laufend neue Aktien ins Portfolio aufnehmen und alte wieder abstossen, was mit Aufwand und Transaktionskosten verbunden wäre.

Unser Ziel ist es, diesen Aufwand auf 10 bis 15 Minuten pro Quartal zu reduzieren. So lange braucht es, bis eine neue Aktie ausgewählt und geprüft wurde, ob eine Aktie im Portfolio wieder verkauft werden sollte. Viel häufiger sollte man auch beim eigenen Portfolio nicht umschichten. Unsere Methode heisst ja Do-It-Yourself-Indexing. Die Methode ähnelt also einem Index, der selbst gemacht ist.

Welches ist Ihr Geschäftsmodell?

Wir verkaufen Research. Vor allem an börsennotierte Unternehmen, die stabilere Bonuspläne wollen, die breiter akzeptiert sind.

Wo sehen Sie obermatt.com in fünf Jahren?

Das bringt mich zum Schmunzeln. Als wir Obermatt im Jahre 2001 gegründet hatten, planten wir als Geschäftsmodell die Akquisition von Internet Service Providern. Es kam anders.

Heute verdienen wir das meiste Geld damit, dass unsere Kunden nicht dem Irrtum erliegen, dass die Zukunft planbar sei. Deshalb setzen sie den Obermatt-Bonusindex ein, der ohne Vergütungsziele funktioniert. Ich fühle mich eigentlich sehr wohl bei dem, was ich mache. Ich würde in fünf Jahren gerne noch immer das Gleiche tun. 

Weiterführende Informationen:
Zur Website von Obermatt
Aktien: wie bewerten?

Moneyland-Redaktion, Mai 2015

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