graham minnion

InvestorBee: «Mehr Transparenz in der Vermögensverwaltung»

Graham Mannion ist Gründer und CEO von InvestorBee. Graham Mannion arbeitete für HSBC in Asien und McKinsey in London und verwaltete danach für UBS das Geld von einigen der reichsten britischen Familien. Aufgrund der fehlenden Transparenz in der Vermögensverwaltung machte er sich danach selbständig und gründete die Research- und Beratungsfirma DCisions sowie die Online-Plattform InvestorBee.

Welche bisherigen Entwicklungen betrachten Sie als die grössten Innovationen in der Vermögensverwaltung?

Graham Mannion: Die Einführung der Dow Jones Indices hat die Vermögensverwaltung verändert. Zuvor war das Konzept des Performance-Benchmarking im besten Fall vage. Die Einführung der Dow Jones Indices hat dank der neuen Transparenz die ganze Industrie enorm vorwärts gebracht.

In jüngerer Zeit gab es eine Welle von Innovationen, die den Kauf- und Verwaltungsprozess von Vermögensanlagen für Konsumenten vereinfachen. Dies führt zu einem spannenden Kampf zwischen Vertriebshändlern, die den Konsumenten eine diversifizierte Mischung von verschiedenen Anlageprodukten liefern, und Vermögensverwaltern, die immer häufiger diversifizierte Portfolio-Lösungen in Form eines einzigen Anlagefonds oder kotierten Wertpapiers anbieten.

Welches werden die nächsten grossen Innovationen sein?

Die nächste grosse Innovation wird wahrscheinlich direkt an die privaten Konsumenten gerichtet sein – zum einen aufgrund der neuen Regulierungen wie der «Retail Distribution Review» in Grossbritannien, zum anderen aufgrund der Möglichkeiten und Erwartungen dank dem Fortschritt im Bereich digitale Technologien. Dabei liegt die Vermögensverwaltung weit hinter den übrigen Finanzdienstleistungen wie etwa der Versicherungsbranche zurück. So sind Konsumenten in der Vermögensverwaltung noch kaum ermächtigt, wichtige Entscheidungen selbst zu treffen.

Was war die Hauptidee hinter der Gründung von InvestorBee?

Während meiner Zeit in der Vermögensverwaltungsindustrie bei der UBS und McKinsey ist mir ein grosses Informationsdefizit bewusst geworden. Meine Kunden bei der UBS kamen regelmässig mit demselben Problem zu mir, und zwar mit der Frage, wie gut ihre Performance im Vergleich zu anderen Anlegern sei. Den Kunden fehlte der Kontext, um die Performance all ihrer Anlagen zu verstehen. Um diese Frage beantworten zu können gründete ich DCisions und anschliessend InvestorBee.

Das Informationsdefizit in der Vermögensverwaltungsindustrie ist so gross, dass es die Leute kaum sehen. Die Daten selbst sind allgegenwärtig: der Wissensreichtum wäre enorm, wenn wir diese Datenfülle auch richtig nutzbar machen könnten. Bei InvestorBee analysieren wir über 1.4 Millionen echte Nutzerportfolios und deren Performance. Die Hauptidee dahinter: Wir liefern einfache und faktenbasierte Benchmarks bezüglich der erreichten Anlagengewinne unter Berücksichtigung der Risikoausprägung und Gebühren der Anlagen. Die resultierende Analyse verhilft Retail-Anlegern zu objektiven Entscheidungen.

Welches ist Ihr Geschäftsmodell?

Wir verdienen auf drei Ebenen Geld: Erstens, indem wir etablierten Vertriebshändlern bei der Interpretation ihrer Kundendaten und der besseren Pflege ihrer Kundenbeziehungen helfen. Zweitens, indem wir diese Kundendaten dazu benutzen, den Vertriebshändlern bei der Akquise von neuen Kunden zu helfen. Drittens, indem wir unsere Daten dazu verwenden, allgemeine Herausforderungen im Marketing auch ausserhalb der Vermögensverwaltung zu lösen.

Sie offerieren ein Vergleichstool für Mischfonds. Viele Studien haben gezeigt, dass aktiv gemanagte Anlagefonds ihre Top-Performances nicht konsistent wiederholen können. Wäre es nicht nützlicher, den Nutzern günstigere ETF-Anlagen aufgrund der ausgewählten Asset Allocation vorzuschlagen?

Wir offerieren dieses Angebot bereits für registrierte Nutzer. Wir publizieren die Asset Allocations für unsere fünf risiko-orientierten Benchmarks vierteljährlich und helfen den Nutzern mit einer einfachen Anleitung und einem Broker-Gebührenvergleich, diese fünf Strategien selbst mit passiven Anlageprodukten auszuführen.

Davon abgesehen hat unsere Forschung gezeigt, dass die Industrie Richtung Mischfonds (so genannte Multi-Asset Funds) strebt. Mischfonds sind immer beliebter geworden, und wir glauben, dass diese Produkte einen wichtigen Bestandteil der zukünftigen Investment-Landschaft ausmachen werden.

Wichtig ist, dass die Konsumenten in der Lage sind zu sehen, was die verschiedenen Mischfonds für das investierte Geld – basierend auf dem eingegangenen Risiko und den Gebühren – liefern können. InvestorBee zeigt den Investoren, wie konsistent die Mischfonds bezüglich ihrer Performance sind. Schlussendlich sollen dann unsere Nutzer entscheiden, ob sie direkt in Mischfonds investieren oder einfach die entsprechende Asset-Allocation-Daten nutzen möchten, um daraus selbst ein passives Portfolio zu erstellen.

Was immer wir als Anlageexperten als «richtig» betrachten – die Einen sind glücklich, passiv dem Markt zu folgen, während die Anderen immer darauf aus sind, den Markt zu schlagen. In beiden Fällen können wir Informationen liefern, um den Nutzern zur bestmöglichen Entscheidung zu verhelfen.

Vermögensberatung ist Vertrauenssache. Laut Mike Alfred, CEO des amerikanischen Online-Unternehmens BrightScope, wachsen unabhängige Finanzberater zu einer der wichtigsten Kräfte in der Finanzindustrie heran – die Online-Vermögensberater werden diesen Trend nicht umkehren können. Haben Sie eine Strategie, wie Sie Vertrauen gewinnen und diesen Trend doch noch umkehren können?

Wir müssen diesen Trend gar nicht umkehren. Einerseits ist der Markt an Direktinvestitionen gross und am Wachsen – wir können diesen Markteilnehmern helfen, die eigene Kundenakquise zu verbessern. Andererseits sind unsere Erkenntnisse für Konsumenten, die ihrem Finanzberater vertrauen, kein Ersatz des Beraters, sondern eine Ergänzung. Mit der Weiterentwicklung der Anlageberatungsindustrie werden solche Mehrwerte für die Beratungskunden immer wichtiger.

Mit der Implementierung der «Retail Distribution Review» in Grossbritannien im Januar 2013 wird sich eine Beratungskluft auftun: Kleinere Kunden werden zu kostenintensiv für Beratungsdienstleistungen, und viele der übrigen Kunden könnten sich gegen explizite Beratungsgebühren entscheiden. Ein vor kurzem auf Citywire erschienener Artikel zeigte auf, dass allein in Grossbritannien ganze 3’000 unabhängige Vermögensberater vor dem Ende stehen könnten. Viele Retailanleger werden schlussendlich ihre Anlageentscheide deutlich selbständiger fällen müssen.

Wir fragen Sie nur, warum Sie sich nicht selbst mit den Fakten ausrüsten - ob Sie nun einen Vermögensberater hinzuziehen möchten oder nicht. Interessanterweise sind die von uns befragten Vermögensberater denn auch begeistert von InvestorBee. Aus verschiedenen Gründen waren diese nämlich bis anhin nicht in der Lage, bestimmte Kundensegmente kompetent zu beraten, weil ihnen die Grundlage für glaubwürdige Anlageempfehlungen gefehlt hat. Gemäss dem Feedback der Anlageberater füllt die unabhängige Datensammlung von InvestorBee diese Lücke.

Wie lange wird die Vermögensverwaltung denn noch ein «People Business» bleiben?

Menschen werden in der Vermögensverwaltung immer eine wichtige Rolle spielen. Allerdings wird eine Bedeutungsverschiebung der verschiedenen Interaktionsformen (online, telefonisch und persönliches Offline-Gespräch) stattfinden – das persönliche Offline-Gespräch wird zunehmend als zu teuer erscheinen. Persönliche Beratung wird zunehmend vor allem komplexen Grosskunden, welche diese Beratung benötigen und diese auch bezahlen können, vorbehalten sein.

Planen Sie über Grossbritannien hinaus eine internationale Expansion?

Unser System und unsere Prozesse sind von Anfang an für eine internationale Benutzung designt worden. Wir haben zudem Patente für unsere Business-Methode in den USA und Australien. Momentan sind wir auf Grossbritannien fokussiert, aber auch eine internationale Expansion ist möglich.

Wo steht InvestorBee in fünf Jahren?

Bei InvestorBee wird es immer um unabhängige Daten gehen. DCisions und InvestorBee haben damit die Möglichkeit, eine zentrale Rolle in unserer Industrie zu spielen und Standards zu setzen, wie Anlageprodukte und Beratung an Benchmarks gemessen und verglichen werden. Wir möchten die Konsumenten ermächtigen, der Industrie zu vertrauen und sicher zu sein, dass sie jederzeit faire Angebote erhalten. Gleichzeitig möchten wir der Industrie weiterhin helfen, die Wünsche und Bedürfnisse der Kunden besser zu verstehen.

10. September 2012

Über das Moneyland-Magazin

Das Moneyland-Magazin informiert Sie kompetent und unabhängig über eine Vielzahl von Finanz- und Geldthemen. Neben Hintergrundartikeln und Interviews mit Experten finden Sie zahlreiche praktische Geldratgeber.