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Richtig anlegen: «Investieren Sie nie bei guter Laune»

Andreas Hüsser forscht am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich (IPMZ) im Bereich Finanzkommunikation und Informationsverarbeitung von Anlegern.

Gemäss zahlreichen Studien handeln Anleger häufig irrational und vertrauen auf vereinfachte Faustregeln, so genannte Heuristiken. Welches sind die häufigsten irrationalen Faustregeln?

Andreas Hüsser: Die mit Abstand irrationalsten Heuristiken sind so genannte Affektheuristiken, also Faustregeln,  die sich auf Gefühle verlassen. Aus sozialpsychologischen Studien und aus der Behavioral-Economics-Literatur ist bekannt, dass Emotionen und Stimmungen die Entscheidungsfindung signifikant beeinflussen. Der Affekt wird bei der Urteilsbildung als Entscheidungsgrundlage herangezogen. Dies ist insofern irrational, als dass der Affekt für die Urteilsbildung irrelevant ist und daher nicht als Entscheidungsgrundlage herangezogen werden sollte. Problematisch an solchen Heuristiken ist, dass sie oftmals unbewusst angewendet werden und dadurch zu systematischen Urteilsfehlern führen. Ebenfalls häufig sind so genannte Ankerheuristiken.

Was ist konkret unter «Ankerheuristiken» zu verstehen?

Ankerheuristiken beschreiben das Phänomen, dass Individuen bei Einschätzungen unter Unsicherheit auf numerische «Anker» vertrauen. So wird beispielsweise der Schlusskurs des Dow Jones als «Anker» für die Einschätzung des morgigen Schlusskurses herangezogen. Der «Anker» dient dabei als Startpunkt und wird so lange angepasst, bis ein zufriedenstellender Zielwert erreicht wurde. Gleiches gilt für weitere Grössen, wie beispielsweise Dividendenrenditen von Aktien oder Kurs-Gewinn-Verhältnisse. Ankerheuristiken sind nicht per se irrational, da die Markterwartungen der Akteure darauf basieren, wie sich solche Grössen entwickeln.

Inwiefern sind Ankerheuristiken denn problematisch?

Das Problem an Ankerheuristiken ist, dass sie zu Urteilsverzerrungen führen können, da die Anpassung des «Ankers» an den Zielwert oftmals unzureichend ist. Dies liegt zum einen daran, dass Individuen darauf bedacht sind, kognitiven Aufwand zu vermeiden. Wir geben uns mit der Anpassung des «Ankers» schnell zufrieden, da weitere Anpassungen mit erheblicher kognitiver Anstrengung verbunden sind. Zum anderen ist unsere kognitive Kapazität bei der Informationsverarbeitung limitiert. Es ist nicht möglich, alle verfügbaren Informationen bei der Anpassung heranzuziehen. Gleiches gilt bei Finanzentscheidungen. Die limitierte kognitive Kapazität führt zu selektiver Aufmerksamkeit. So dient beispielsweise die vergangene Wertentwicklung eines Aktienfonds als «Anker», um aus dem Überangebot eine engere Auswahl zu treffen und gleichzeitig auch als Startpunkt für die zukünftige Renditeeinschätzung.

Sie untersuchen die Informationsverarbeitung von Anlegern, darunter auch bei der Wahl von Aktienfonds. Welches sind die wichtigsten Auswahlkriterien von Anlegern?

Basierend auf der aktuellsten Befragung unter 737 Fondsanlegern zum Auswahl- und Informationssuchverhalten wurden die Kosten und Ausgaben von 74 Prozent und die historische Performance von 69 Prozent der Befragten bei der engeren Fondsauswahl berücksichtigt. Allerdings gab es eine Verschiebung der Wichtigkeit dieser Auswahlkriterien bei der finalen Fondsentscheidung.

So gaben 47 Prozent der Befragten an, die Kosten und Ausgaben seien für sie bei der finalen Fondsentscheidung «sehr wichtig», während für 50 Prozent die historische Performance bei der finalen Fondsentscheidung «sehr wichtig» ist, gefolgt von den Risiken (45 Prozent) und dem Nettoanlagewert (42 Prozent). Hingegen sind die Ausgabeaufschläge für nur 27 Prozent und die steuerlichen Konsequenzen für nur 28 Prozent der Befragten bei der finalen Fondsentscheidung «sehr wichtig».

Diese Befunde sind im Einklang mit bisherigen Ergebnissen zum Selektionsverhalten, wonach die vergangene Performance zu den wichtigsten Entscheidungskriterien gehört, und werden auch von Feldstudien bestätigt, die einen starken positiven Einfluss der vergangenen Performance auf die Mittelzuflüsse nachweisen konnten.

Weshalb ist die Berücksichtigung der vergangenen Performance bei der Fondsauswahl irrational?

Die vergangene Performance als Entscheidungskriterium bei der Fondswahl ist schon deshalb irrational, weil ihr als unsichere Grösse mit unkalkulierbarem Einfluss mehr Gewicht beigemessen wird als den Kosten, die als sichere ökonomische Grösse einen kalkulierbaren und vor allem negativen Einfluss auf die zukünftige Performance ausübt.

Des Weiteren gibt es keine empirische Evidenz dafür, dass aufgrund der vergangenen Wertentwicklung auf die zukünftige Wertentwicklung geschlossen werden kann. Umso mehr erstaunen Studienergebnisse, wonach Anleger die aktiv gemanagten Fonds den passiven Indexfonds (ETFs) vorziehen.

Welches sollten Ihrer Meinung nach die wichtigsten rationalen Auswahlkriterien sein?

Anleger sollten bei der Fondsauswahl auf sichere und messbare Kriterien setzen, wie beispielsweise die Kosten und die anfallenden Steuern, sowie auf den Anlagestil und die Strategiedefinition. Dabei müssen der Anlagestil und die Strategiedefinition mit dem eigenen Risikoprofil und den Zielvorstellungen vereinbar sein. Zudem ist es sehr wichtig darauf zu achten, mit welchen Risiken die vergangene Wertentwicklung erwirtschaftet wurde. Höhere Renditen können nur mit einem entsprechend höheren Risiko abgegolten werden.

Wie könnte die Finanzindustrie ein rationales Anlageverhalten fördern?

Beim Vertrieb von Finanzprodukten sollte die Verständlichkeit der Produktprospekte verbessert werden. Die Komplexität von Finanzprodukten und die fachspezifischen Informationen verringern die Transparenz und sind teilweise irreführend. So lässt die in der Fondswelt weit verbreitete Total Expense Ratio (TER) die Transaktionskosten unberücksichtigt.

Ausserdem zeigt eine amerikanische Studie, dass bei Fondsprospekten die Leserlichkeit und die Verständlichkeit abnehmen, je besser die vergangene Wertentwicklung des Fonds ausfällt. Dies gilt insbesondere für die Risiken, mit welchen die vergangene Wertentwicklung erzielt wurde. Um die Verständlichkeit von Fondsinformationen zu erhöhen, sollten die Kosten und die Risikokennzahlen in tabellarischer und graphischer Form zusammengefasst werden.

Aus der Konsumentenforschung ist bekannt, dass die tabellarische Darbietung von Produktattributen mit graphischen Elementen interagiert und dies die Motivation zur Verarbeitung dieser Informationen erhöht. Für fundierte Anlageentscheidungen ist zudem ein Vergleich mit Alternativen zwingend notwendig.

Wie könnte man die Transparenz bei Fondsprospekten erhöhen?

Bei Aktienfonds wäre zu Vergleichszwecken sinnvoll, den Kosten und den Risiken die Durchschnittswerte der Fondskategorie mit gleichem Investitionsansatz gegenüberzustellen. Nur so ist die Vergleichbarkeit innerhalb derselben Ansätze oder Strategien – wie zum Beispiel «Value» oder «Growth» – und somit innerhalb derselben Fondskategorie gewährleistet. So hat die Swiss Fund Association (SFA) mit ihren verbindlichen Mindeststandards zu den wesentlichen Informationen für Anlegerinnen und Anleger (KIID) einen ersten Schritt in Richtung mehr Transparenz und damit zur Harmonisierung mit EU-Standards gemacht.

Wie können Anleger rationaler entscheiden?

Wichtig ist, dass sich Anleger vor Finanzentscheidungen über mögliche Quellen von Urteilsverzerrungen bewusst werden. Allerdings reicht das Bewusstsein alleine nicht aus, wenn Anleger nicht motiviert oder kognitiv fähig sind, diese Einflüsse zu korrigieren, was beispielsweise beim Day-Trading der Fall ist. Deshalb ist es wichtig, sich bei Finanzentscheidungen Zeit zu lassen.

Worauf sollten Anleger zusätzlich achten?

Anleger sollten auch bewusst über ihre Stimmung und ihren aktuellen Gemütszustand reflektieren. Bei einer guten Stimmung – beispielsweise aufgrund eines realisierten Kursgewinns – sollten Anleger mit weiteren Entscheidungen zuwarten, da eine gute Stimmung mit einer oberflächlichen und unkritischen Informationsverarbeitung einhergeht, was eine verzerrte Risikowahrnehmung zur Folge hat. Zudem sollten sich Anleger über ihre Motivation, mit welcher sie eine Finanzentscheidung tätigen, bewusst werden.

Bei der Motivation, Gewinne zu maximieren, geht man bei der Informationsverarbeitung das Risiko von Auslassungsfehlern zugunsten der Geschwindigkeit ein. Bei der Motivation, Verluste zu minimieren, verhält es sich genau umgekehrt. Es ist auch sehr wichtig, Finanzentscheidungen immer unter Berücksichtigung von Alternativen vorzunehmen, um zu einer fundierten Anlageentscheidung zu gelangen.

30. April, 2012

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