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Schweiz als nachhaltiger Finanzplatz der Zukunft

Wird die Schweiz zum führenden nachhaltigen Finanzplatz der Zukunft? Die Moneyland-Redaktion befragte Sabine Döbeli von Swiss Sustainable Finance.

Sabine Döbeli ist Geschäftsführerin des Vereins Swiss Sustainable Finance (SSF) sowie Leiterin für Nachhaltigkeit bei der Bank Vontobel.

Moneyland-Redaktion: Sie haben vor kurzem den Verein Swiss Sustainable Finance (SSF) ins Leben gerufen. Was sind Ihre Absichten und Ziele?

Sabine Döbeli: Swiss Sustainable Finance setzt sich zum Ziel, die Schweiz als führendes Zentrum für nachhaltige Finanzdienstleistungen zu etablieren. Schon heute prägen Schweizer Akteure die globale Entwicklung in diesem Bereich mit ihren innovativen Produkten und Dienstleistungen wesentlich.

Aktuell werden hierzulande 57 Milliarden Franken nachhaltige Anlagen verwaltet, ein substantieller Teil für internationale Kundschaft. Ein Drittel der weltweiten Volumen an Mikrofinanzinvestments werden in der Schweiz betreut. In den vergangenen 10 Jahren haben Schweizer Unternehmen eine Vielzahl innovativer nachhaltiger Dienstleistungen und Finanzierungsinstrumente entwickelt, darunter einen Risikoindex, der auf Umwelt- und Sozialrisiken basiert und einen Fairtrade-Fonds zur Vorfinanzierung landwirtschaftlicher Produkte.

Die vorhandenen Kompetenzen möchten wir stärker bekannt machen, sowohl im Inland wie im Ausland. Swiss Sustainable Finance will durch Ausbildung und Förderung geeigneter Rahmenbedingungen dafür sorgen, dass Nachhaltigkeitsaspekte in Finanzdienstleistungen generell stärker berücksichtigt werden. Und schliesslich soll Swiss Sustainable Finance in der Schweiz die zentrale Plattform sein, bei der man sich zu diesem Thema informieren und vernetzen kann.

Mit welchen konkreten Massnahmen möchten Sie mehr Nachhaltigkeit in die Finanzwelt bringen?

Wir werden verschiedene Arbeitsgruppen etablieren, die ganz konkrete Massnahmen umsetzen. Wichtig ist, dass mehr Möglichkeiten geschaffen werden, wie man sich zu nachhaltigen Finanzen aus- und weiterbilden kann. Wir werden mit Universitäten und Fachhochschulen zusammenarbeiten, um Kurse und Lehrgänge zu diesem Thema anzubieten. Auch die Information mittels eigener Veranstaltungen ist ein Weg, das Wissen zu diesem Thema zu stärken.

Eine Arbeitsgruppe wird sich mit der Verbesserung der Rahmenbedingungen für Mikrofinanzanlagen und anderen Formen der Entwicklungsfinanzierung beschäftigen. Die Bereitstellung von Marktdaten ist ein wichtiges Element, damit Anbieter besser verstehen, was Kunden wünschen und wie sich das Thema entwickelt. Und schliesslich möchten wir auch den Dialog mit Pensionskassen und Stiftungen suchen und sie dabei unterstützen, langfristig erfolgreich und nachhaltig zu investieren.

Nachhaltigkeit ist auch in der Finanzwelt zu einem Trendbegriff geworden. Wie können Sie verhindern, dass mit dem Nachhaltigkeits-Label nur heisse Luft verkauft wird?

Es ist sicher wichtig aufzuzeigen, welche Formen von nachhaltigen Finanzdienstleistungen es gibt und wie diese funktionieren. Hier sehe ich eine wichtige Rolle für Swiss Sustainable Finance. Aus meiner Sicht gibt es allerdings kaum Produkte, die Nachhaltigkeit nur als grünen Deckmantel benutzen.

Es gibt viele verschiedene Formen, Nachhaltigkeitsthemen bei Finanzprodukten einzubeziehen – nicht immer sieht man einem Produkt auf den ersten Blick an, dass dies der Fall ist. Ich mache ein Beispiel: Im Rahmen eines nachhaltigen Schweizer Aktienfonds investiert man in Firmen, die im Vergleich mit ihren Branchenkonkurrenten hohe Umwelt-, Sozial- und Geschäftsführungsstandards haben.

Solche Firmen verfügen über ein gut strukturiertes Nachhaltigkeitsmanagement und verringern ihre Klima-Emissionen. Auch sind sie ein attraktiver Arbeitgeber und verbessern ihre Produkte bezüglich Kundennutzen und Umweltverträglichkeit. In einem solchen Fonds finden Sie dann unter den zehn grössten Positionen etliche Unternehmen, die auch in einem ganz klassischen Schweizer Fonds enthalten sind.

Trotzdem unterscheidet sich dieser Fonds wesentlich von einem klassischen Schweizer Aktienfonds: er verzichtet auf gewisse Unternehmen, die nicht nachhaltig wirtschaften. Und die Fondsgesellschaft (oder ein spezialisiertes Ratinginstitut) führen mit den Unternehmen einen Dialog zur Nachhaltigkeitsleistung und zeigen auf, wo sie sich noch verbessern können. Solche Prüfungen tragen dazu bei, dass die Geschäftsleitungen solcher Unternehmen dem Nachhaltigkeitsthema eine höhere Bedeutung beimessen. Die entsprechende Analyse bewirkt also etwas.

Der Begriff von Nachhaltigkeit wird in der Finanzwelt unterschiedlich verwendet. Welches ist Ihre Definition?

Nachhaltig ist ein Unternehmen oder ein Projekt dann, wenn es umweltverträglich ist, gesellschaftliche Verantwortung zeigt und gute Führungsstrukturen hat. Wir orientieren uns also an den drei Standbeinen der Nachhaltigkeit Umwelt, Soziales und gute Führung, wie sie in vielen global akzeptierten Standards definiert sind, zum Beispiel im Global Compact der UNO oder in der Global Reporting Initiative, dem Standard für Nachhaltigkeitsberichterstattung.

Nachhaltige Anlagen werden von konventionellen Anlegern als weniger renditeversprechend eingeschätzt. Stimmt die Einschätzung?

Wissenschaftliche Studien zeigen klar, dass nachhaltige Anlagen absolut konkurrenzfähig sind. Die Renditen sind im Durchschnitt etwa gleich gut wie bei herkömmlichen Anlagen. Oft ist das Risiko sogar etwas geringer. Dies macht auch intuitiv Sinn: eine nachhaltige Wirtschaftsweise ist nichts Anderes als eine sorgfältige, langfristige Wirtschaftsweise. Als Anleger macht es Sinn, auf Unternehmen zu setzen, die Chancen aktiv wahrnehmen und ihre Risiken gut kontrollieren.

Der Schweizer Finanzplatz ist daran, sich neu zu positionieren. Welche Rolle können hierbei nachhaltige Anlagen spielen?

Die Schweiz hat eine ideale Ausgangslage, um nachhaltige Finanzdienstleistungen zu einer Kernkompetenz auszubauen. Erstens verfügt sie schon über viel Spezialwissen im Finanzbereich. Bezüglich Nachhaltigkeit steht die Schweiz im globalen Vergleich ebenfalls sehr gut da. Marktstudien zeigen zudem klar, dass die Nachfrage nach nachhaltigen Finanzdienstleistungen global zunimmt.

So wollen zum Beispiel wohlhabende Familien ihr Vermögen zunehmend so verwalten, dass damit nicht nur Rendite, sondern auch ein gesellschaftlicher Nutzen erzeugt wird. Grosse institutionelle Investoren beschäftigen sich mit langfristigen Risiken und versuchen, solche gezielt zu vermeiden.

Wenn die Schweiz im Wealth und im Asset Management eine wichtige Rolle spielen will, muss sie solche Kompetenzen stärken. Ich bin überzeugt, dass es über kurz oder lang zu einem klaren Konkurrenzvorteil wird, wenn man innovative nachhaltige Dienstleistungen anbietet und gut ausgebildete Fachkräfte hat.

Wenn Sie eine Prognose wagen würden: was haben Sie mit Swiss Sustainable Finance in fünf Jahren erreicht?

In fünf Jahren gehört es zum Normalfall, dass ein Portfoliomanager vor dem Kauf eines Titels auch dessen Nachhaltigkeitsrating prüft und die entsprechenden Risiken berücksichtigt. Kunden sehen auf den Depotauszügen ihrer Bank nicht nur, wie gut die Performance, sondern auch, wie umwelt- oder sozialverträglich ihr Portfolio ist.

Über innovative Finanzprodukte sind Anlagen im Umfang von rund 10 Prozent aller Vorsorgevermögen global in eine ressourcenschonende Wirtschaft und in ein klimafreundliches Energiesystem investiert – und die entsprechenden Anlagen werfen attraktive Renditen ab. Nachhaltigkeit wird dann nicht mehr als Beschränkung verstanden, sondern als sinnvolle Zusatzinformation.

Moneyland-Redaktion, 14. Juli 2014

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